Über mich, oder: »Sprache ist zum Spielen da / Bedeutungen verhandelbar.«

Der Autor im Moment des Geistesblitzes

Über mich als Mensch

Eines gleich vorweg: Ich bin süchtig. Genauer gesagt: spielsüchtig. Ich leide (naja, wenn ich ehrlich bin: Es tut gar nicht weh!) an einer äußerst seltenen Form: Ich bin wortspielsüchtig. Lese ich das Wort Nachteile, sehe ich sogleich (wie in einem Vexierbild) auch Nacht-Eile. Fahre ich in Berlin zum Ostbahnhof, changiert der Name alsbald zu Obstbahnhof. Lese ich etwas über unsere Regierung und sehe auf dem begleitenden Foto keine netten Gesichter, denke ich sofort: Gibt es ein Pendant zu „kabinett“? Ist das dann „kabiunfreundlich“? Dann kommt der Lektor (der ich ja auch bin) in mir zum Zuge und klopft den Einfall ab: Ist das wirklich lustig/witzig? Oder ist das nur schenkelklopfender Klamauk?

Ebenso bei Ortsnamen – ich habe ja, seit ich mich selbigen widme, potentiell Tausende Orts- und Städtenamen im Hinterkopf, permanent. Manchmal fällt mir dann aus heiterem Himmel einer ein, und ich „denke“ … beziehungsweise: Genau genommen ist das ja kein Denken, sondern so ein nur halb bestimmbares Etwas-mit-sich-herumtragen und ein Offensein-für-was-auch-immer-einem-dazu-einfallen-mag. Kreative werden diesen Latenzmodus des Hirns und der Wahrnehmung sicherlich kennen. Mir kommt dann also auf einmal Melsungen in den Sinn oder Großbottwar … und (ganz genau wie bei einem Computer, bei dem ja auch Rechenprozesse in Hintergrund ablaufen, manchmal sogar )

 Oje. Ich merke: Sobald ich (derzeit) etwas über mich schreiben will, schreibe ich über mich als über jemanden, der etwas schreibt. Scheint, als sei das wirklich das, was mich derzeit am austen füllt. Ich versuch’s noch mal mit einer Beschreibung meiner Obsession: In einem Online-Lexikon wird das, was mir (derzeit) tagtäglich Momente hohen und höchsten Glücks bereitet, definiert als Impulskontrollstörung: „Sie wird durch die Unfähigkeit eines Betroffenen gekennzeichnet, dem Impuls zum Glücksspiel zu widerstehen, auch wenn dies gravierende Folgen im persönlichen, familiären oder beruflichen Umfeld nach sich zu ziehen droht oder diese schon nach sich gezogen hat. Männer sind davon häufiger betroffen als Frauen. In Deutschland gibt es aktuell ca. 200.000 Betroffene.

Ich werde den Wikipedia-Artikel (ich korrigiere, Lektor, der ich ja auch bin, permanent sprachliche Fehler in den Artikeln, die ich dort lese) dahingehend korrigieren, dass ich die Zahl der Betroffenen auf 200.001 erhöhe. denn vermutlich ist jemand wie ich, der offensichtlich …, bei dem das aber eher erheiternde Folgen zeitigt, von der Statikstik nicht erfasst ist.

Alles, was mir wichtig ist, hat nichts mit Zahlen und Formeln zu tun. Das, was wirklich mein Herz berührt, ist nicht zähl-, berechen- oder digitalisierbar, und erst recht ist es nicht skalierbar. Ich halte es ohnehin für eine Art Krankheit unserer Zeit, dass wir viel zu vieles berechnen oder dass wir glauben, uns bestimmten Dingen auf mathematisch-wissenschaftlichem Weg nähern oder es auf diese Weise gar verstehen könnten. Niemand wird je Liebe erklären können, und ebenso wird niemals jemand schlüssig Humor erklären können. Es genügt (mir), im Grunde genommen vollkommen, sich an allem zu erfreuen. Ein tieferes bzw. ein wirklich TIEFES Verstehen erlangt man meiner Meinung nach ohnehin nur, indem man sich ALS MENSCH auf etwas einlässt. Dazu nur ein einziges Beispiel (erzählen könnte ich Dutzende): In meiner Freiburger Zeit bin ich wie ein Halbprofi Rennrad gefahren. Irgendwann kamen Fahrradcomputer auf, und auch ich montierte mir einen ans Rad: momentane Geschwindigkeit, Höchstgeschwindigkeit, Gesamtkilometer dieses Jahr … Nach drei Jahren montierte ich ihn wieder ab, endgültig. Warum? Jede Sekunde, die ich auf diese Zahlen starrte, verpasste ich die Natur um mich herum, alles Schöne, das mich umgab. Wozu fahre ich denn eigentlich diesen Berg hinauf? Um dann irgendwann irgendwelche Zahlen abzulesen? Worüber freue ich mich wirklich? Über eine Verbesserung meiner Bestzeit auf den Schauinsland (den Freiburger Hausberg; ca. 1.000 Höhenmeter über der Stadt) um 20 oder 30 Sekunden? Oder über das, was ich wirklich spüre und erlebe? Die Luft, die Natur um mich herum, meine Verfassung an diesem Tag, das Plätschern des Baches, der neben der Straße fließt, die Blicke nach links, nach rechts, talwärts? Meine Entscheidung: Spüren. Leben. Empfinden.

Ich habe den Eindruck, heutzutage herrscht ein Missverhältnis zwischen Gefühl und Technik (ich weiß, das ist eigentlich banal; aber es ist mindestens ebenso evident, dass, gerade WEIL es so „selbstverständlich“ geworden ist, es viel zu bereitwillig nur noch hingenommen wird). [Banales Beispiel: den Wetterbericht hören bzw. ihm vertrauen.] Und dass wir dem, was wir (selbst wenn wir es überdeutlich) FÜHLEN, überhaupt keinen Raum und keine Chance mehr geben.

… wird fortgesetzt …

 

 

 

Über mich als Autor

In der Regel arbeite ich unununterbrochen*. Oft die ganze Nacht hindurch. Nicht selten wache ich dann morgens schweißgebadet auf. Ja, Traumarbeit kann ganz schön anstrengend sein.

(*unununterbrochen: nicht ununterbrochen; hin und wieder mal ein Päuschen einlegend)

Dann stehe ich auf, dusche und brühstücke (wenn die erste Mahlzeit des Tages nur aus Teee oder Kaffee besteht, ist das ein Brühstück; ich zum Beispiel trinke ein bis sieben Liter Grüntee). Dabei notiere ich mir die Ideen, die mir morgens im Halbschlaf oder beim Duschen gekommen sind. Und die Ideen, die mir beim Notieren der Ideen gekommen sind. Dann ist meistens schon Nachmittag. Zeit, mich zu deentspannen.

Ich fahre ziellos durch die Gegend; meistens ist mein Ziel Stralau. Dort kann man seinen Schweif schön über das Wasser blicken lassen.

Dann ist meistens Zeit für die blaue Periode. Blaue Periode? War da nicht was mit Picasso? Genau. Wobei: Picasso hat in seinem Leben gerade ein Mal von rosa nach blau gewechselt. Ich vollführe diesen Wandel TÄGLICH!

… wird fortgesetzt …

Eine meiner größten Gaben: Ich glaube, ich kann aus (fast) allem irgendetwas Kreativ-Witziges machen. Jemand hat das mal so beschrieben: »Du nimmst Dinge und Augenblicke wahr, die einem normalen Menschen kaum auffallen.« Daraus entstehen dann Wortspielereien oder auch kleine Geschichten. Längere Erzählungen liegen mir weniger, meine Aufmerksamkeit richtet sich eher auf Details; daher ist bei mir auch die Wortebene dominant bzw. die Kurzgeschichten gehen oft von einem Worteinfall aus. Ein Beispiel: Wenn sich der Golfstrom, wie kürzlich (im März 2021) zu lesen war, abschwächt: Was läge dann näher, als ihn in Polostrom umzubenennen? Oder ich deute Phänomene gern um. Einfach mal unseren Wahrnehmungsrahmen ändern. Bisweilen auch, um zu erkennen, dass wir manchmal in ziemlich wahnsinnigen Zuständen leben.

Was das Ortsnamenwörterbuch betrifft, so war der allererste kuriose Ortsname, an den ich mich erinnern kann (da war ich vielleicht 5 oder 6), Fallingbostel. Mein Vater war Bauleiter und hatte in ganz Deutschland auf Baustellen zu tun. Das muss wohl eine seiner Baustellen gewesen sein, ich hab das jedenfalls noch von meiner Mutter im Ohr. Auch von Lüdenscheid bin ich geprägt wie eine Lorenzsche Graugans.

… wird fortgesetzt …