Dieses Leben hat mein Buch verändert – Wie das alles entstanden ist

Bist Du bereit für eine etwas längere, richtig schöne Geschichte?

Autobahnausfahrtsschild trifft auf Wortwitz

Wie bitteschön kommt man bei einem Autobahnausfahrtsschild auf die Idee, ein Buch zu schreiben?

Wie alles anfing (1995)

Beilngries. Mit Beilngries hat alles angefangen. Sommer 1995, ich war unterwegs auf der Autobahn Nürnberg–München, ich sollte irgendwo in Bayern Plakate aufhängen für die Schwarzmeer-Don-Kosaken – als Russen verkleidete Bulgaren, die für ein kleines Kölner Konzertbüro durch die Lande tingelten. Ein Studentenjob, den ich auch nach meinem Studium (Germanistik, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft) beibehalten hatte, denn er war für jemanden wie mich einfach ideal: ziemlich freie Zeiteinteilung, hinreichend gut bezahlt, selbstverantwortliches Arbeiten … und immer unterwegs: heute Bayerischer Wald, nächste Woche Rügen und Meck-Pomm, eine Woche Pause, dann Thüringen, Görlitz … und jeden Sommer drei Wochen bezahlter Arbeitsurlaub in Frankreich.

So wurde ich über die Jahre hinweg kreuz und quer durch die Republik geschickt – nach Ablach und Ahneby, Faulenfürst und Finnentrop, Schaddel und Scharbeutz, Zerbst und Zwiesel. Auch nach Österreich und in die Schweiz. Dazu musst Du wissen: Ich habe von Natur aus ein Faible für alles, was mit Sprache zu tun hat (deswegen das Studium); und eine Leidenschaft für intelligenten Witz sowie für gehobenen und gern auch hintersinnigen oder anarchischen Unsinn aller Art – in der Art von Robert Gernhardt, Max Goldt, Walter Moers und Helge Schneider zum Beispiel.

Und so kam es, wie es wohl kommen musste: Nachdem ich zum vielleicht siebten oder zehnten Mal an der Autobahnausfahrt Beilngries vorbeigekommen war, begann es in mir zu gären: beilngries … beilngries … beilngries … – das klingt doch wie … als ob … ja, genau: als ob man in der Stimmung ist, gleich alles kurz und klein zu schlagen. So richtig schön mit Ingrimm! (Später habe ich den Eintrag noch mehrfach erweitert – zunächst um den Zusatz: Oliver Kahn in seinen Hoch-Zeiten erweckte den Eindruck, permanent beilngries zu sein.)

Und das war die Geburtsstunde dieses Projekts. Fortan sammelte ich auf meinen Touren also all solch kuriose oder merkwürdige Orts- und Städtenamen, die mir unterkamen und aus denen sich »möglicherweise was machen« ließ: Eitorf, Hachum, Jerxen-Orbke, Straßwalchen … Manchmal schrieb ich mir nur einfach den Namen auf, manchmal fielen mir dazu aber auch gleich mögliche (ausgedachte) Bedeutungen ein.

Mehrere Jahre später (2002)

Mittlerweile war meine Sammlung von Namen samt Notizen auf mehrere hundert angewachsen. Bis dahin hatte ich das Spiel zwar mit großer Lust, aber immer nur nebenbei betrieben. Ich beschloss, das Ganze zu ordnen, zu systematisieren und zu katalogisieren. Und mir eine Form dafür zu überlegen. Schnell war klar: Es soll ein Lexikon, ein Wörterbuch werden, alphabetisch geordnet, von A bis Z; mit Hinweisen zu Wortart, Querverweisen etc.

Allerdings blieb es auch damals noch eine liebevolle Spiele- oder Spinnerei nebenbei, eine analog geführte Loseblatt-Sammlung; ich hatte, im Zuge und als Konsequenz aus einer Indien-Reise, eine Lebensentscheidung getroffen: Yogalehrer zu werden. (Die Indienreise hatte aber auch in Bezug auf das Buch eine entscheidende Bedeutung; dazu weiter unten im Abschnitt Douglas Adams, das Labenz und ich. Ein Kuriosum am Rande: Zunächst hatte ich erwogen, Lach-Yoga-Lehrer (nach Dr. Madan Kataria, den ich im darauffolgenden Jahr persönlich in Berlin kennenlernte) zu werden und im Business-Rahmen Lach-Yoga zu unterrichten; ich kam aber aus verschiedenen Gründen wieder davon ab. Vor allem, weil Lach-Yoga gemäß der Idee seines Erfinders nicht-kommerziell sein sollte!

Die systematische Phase (und ein ADAC-Atlas; ab 2006)

Wenn ich etwas mache, dann richtig. Und vor allem: gründlich. Nächster Schritt: Anfang Juni 2006 nahm ich den Großen ADAC-Autoatlas Deutschland/Europa zur Hand. Der hat hinten ein Ortsregister. Es beginnt auf Seite 849 mit Å (dem südlichsten Ort auf den Lofoten; ich war selbst schon da, 1987, während eines Fahrradurlaubs) und endet auf Seite 1100 mit Zywiec (das liegt in Polen – dort war ich zwar noch nicht; aber zu Zywiec gibt es einen sehr schönen Eintrag – einen meiner längsten, launigsten und, wie ich finde, besten laughing) – 252 (in Worten: zweihundertzweiundfünfzig) engbedruckte Seiten. Vierspaltig! Mit ca. 125.000 Orts- und Städtenamen!

Ich habe dieses Register komplett (!) durchgelesen und durchgearbeitet – das heißt, ich habe geduldig jeden einzelnen Eintrag daraufhin belauscht, ob er für meine Zwecke irgendwie verwendbar sein könnte; und habe im Zuge dessen für jeden Buchstaben des Alphabets eine Word-Datei angelegt. Allein das hat, wenn ich mich recht entsinne, einen kompletten Monat in Anspruch genommen – vielleicht auch zwei. money-mouth
Parallel dazu habe ich auch eine Datei Bedeutungen, ihres Namens harrend angelegt; dort sammle ich seither alles, was nach meinem Dafürhalten eine eigene Bezeichnung verdient hätte (siehe die Einleitung auf der Startseite), wofür mir aber noch kein passender Ortsname in den Sinn gekommen ist. Ich habe aber meistens schon ein Vorgefühl, wie es etwa lauten sollte.

Liebe, Lust, Leidenschaft – und ganz viel Herzblut (2006 bis heute)

In den folgenden Monaten und Jahren habe ich immer wieder phasenweise daran gearbeitet, je nach Zeit, Lust und Laune – und es dann wieder für eine Weile, manchmal auch monatelang, ruhen lassen. Das heißt, es stecken nun viele, viele Monate Arbeit und fünfundzwanzig Jahre Geschichte darin – und ungezählte Tage, Abende und Nächte voller Spaß und Lachen, die ich um nichts in der Welt missen möchte!

Im Laufe dieses Prozesses habe ich die »Definitionen« immer wieder überarbeitet und erweitert und korrigiert und verbessert (und auch verworfen, wenn sie doch nicht gut waren), mir ein System für die Kennzeichnung von Wortarten ausgedacht, Querverweise eingefügt (was sehr aufwendig werden kann, wenn zu mehreren Einträgen, die aufeinander verweisen, ein neuer hinzukommt), für manche wie die holzfreie Ananasringfrucht (eine Obstsorte, die nur in Dosen vorkommt) habe ich lateinische (oder lateinisch anmutende) Gattungsnamen erfunden (in diesem Falle Ananas donutus kanthakii), bei ausländischen Ortsnamen ein Länderkürzel hinzugefügt – und alles bereits vielmals überprüft und und und …

Ein Versuch (der einzige) bei einem Verlag (2014–16)

Im Oktober 2014 biete ich das Manuskript dem Rogner & Bernhard Verlag an. Nach zwei freundlichen Erinnerungen meinerseits und der Bitte, es erneut einzureichen (weil man mein Manuskript nicht mehr finden könne, höhö), kommt Mitte Januar 2016 nach insgesamt 15 Monaten eine – wenn auch freundliche – Absage: mit einem unbekannten Autor wie mir sei ihnen das unternehmerische Risiko zu groß:

»Lieber Herr Kanthak,

es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat. Wir sehen leider keine Möglichkeit, Ihr Projekt zu veröffentlichen. Ohne ein prominentes Zugpferd wie Douglas Adams würden wir es vermutlich nicht verkaufen können. Ich wünsche Ihnen an anderer Stelle mehr Erfolg damit.«

Kleine Anekdote am Rande: Kurz darauf ist Rogner & Bernhard pleite. Ob es (auch) daran lag, dass sie mein Buch nicht verlegen wollten? innocent

Im Nachhinein war und bin ich übrigens sehr froh, dass man mein Buch nicht genommen hat. Ich arbeite ja selbst seit vielen Jahren als freier Lektor und weiß daher, dass man als Autor im Grunde genommen so gut wie nichts an seinem Buch verdient, wenn man es einem Verlag überlässt. Das, was man als Vorschuss erhält (und noch schlimmer: der geringe Anteil am finanziellen Erfolg, wenn es sich richtig gut verkauft) steht meist in keinem Verhältnis zur Hingabe, zur Arbeit, zum Genie und zur Liebe, die viele Autorinnen und Autoren in ihre Manuskripte und in ihr Schreiben stecken. Das mag jetzt ein wenig ungerecht den Verlagen gegenüber klingen; so ist es nicht gemeint; wahr ist es trotzdem.

In den Jahren seither haben sich die Möglichkeiten, sein Buch in Eigenregie zu veröffentlichen, nochmals enorm verbessert. Auch deshalb habe ich mich dann letzten Endes entschieden, es selbst herauszubringen. Es entspricht mir auch, wenn ich möchte immer soviel wie möglich selbst machen. Und auf diese Weise bin ich von niemandem abhängig, kann nach Lust und Laune schalten und walten und habe alles selbst in der Hand.

Gradus ad parnassum laughing (2016–2019)

Zum damaligen Zeitpunkt hatte mein Buch ca. 850 fertige Einträge. Irgendwie noch nicht genug, zumal ich damit rechnete, dass ich bei einer strengen Prüfung bestimmt 200 als noch nicht gut genug wieder aussortieren würde. Ich glaube, als Autor ist eines ganz wichtig: Man muss spüren, wann das eigene Werk gut genug ist. Wann es so gut, dass man es, wenn man noch weitermacht, höchstens wieder schlechter machen wird. Außerdem hatte ich täglich neue Ideen. Also trug ich weiter Material zusammen und feilte, dass die Späne stoben.

Die Entscheidung (2019)

Das Gefühl, dass es jetzt allmählich gut genug ist oder wird, stellte sich im Sommer 2019 ein. Damals hatte ich etwa 1.150 fertige »Definitionen«. Dazu sei angemerkt: Ich bin ein eher introvertierter Mensch. Eigentlich sogar ziemlich introvertiert, auch wenn es manchmal gar nicht den Anschein hat. Menschen wie ich tragen ihre Projekte und Vorhaben ziemlich lange mit sich herum, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Sie erzählen davon nur wenigen Menschen; sie brauchen in dieser Phase weniger die Bestätigung von außen, wichtiger ist, dass ihr Pflänzchen in einem geschützten Space gedeihen kann.

Doch irgendwann spürt man, dass es jetzt an der Zeit ist. Genug der Vorarbeiten, nun soll das Kind das Licht der Welt erblicken.

»Naamijoki« oder »Der höhere Sinn des Labenz«? Wie soll das Kind heißen? (2019/20)

2014/15, in meinem Exposé für Rogner & Bernhard, hatte ich noch mit »Der höhere Sinn des Labenz« als Titel geliebäugelt. Marketingtechnisch wäre das recht geschickt gewesen, vor allem aber wäre das, in meinen Augen jedenfalls, aus Verlagsperspektive der bestmögliche Titel gewesen. Mir selbst hat er, abgesehen davon, dass er den Bezug zu dem Douglas-Adams-Buch herstellt und daraus auch seinen Witz bezieht, nicht sonderlich gefallen. Für sich genommen ist dieser Titel einfach nicht pfiffig.

Als mein persönlicher Favorit hatte sich im Laufe der vergangenen Jahre immer mehr Naamijoki herauskristallisiert:

  • es hört sich an sich schon lustig an (wie fast alles Finnische)
  • in dem Wort steckt in nuce das drin, was ich mache: mit Namen spielen (engl. joke oder lat. jokus = Spaß, Witz)
  • es hat so einen Hä?-Effekt foot-in-mouth

Ein bisschen Guerilla-Marktforschung (ab Dezember 2019)

Ich habe früher mal Promotion für die Süddeutsche Zeitung gemacht. Aus dieser Zeit und auch aus meiner Zeit als Yogalehrer, wo ich das schon ganz ähnlich praktiziert habe, weiß ich: Ich habe kein Problem damit, auf Menschen zuzugehen und sie ganz direkt auf etwas anzusprechen, ganz egal, wo und wann – ob auf der Straße, beim Einkaufen, in der U-Bahn oder auch nachts um halb drei am Südstern (hab ich auch schon gemacht). Zumindest in Berlin geht das. Zumal, wenn es für die eigene Sache ist, von der man weiß, dass es etwas Cooles und Witziges ist. Und es macht immer auch Spaß – idealerweise beiden, schließlich geht es um ein Buch zum Lachen.

Es hat ohnehin was Tolles, mit »fremden« Menschen ins Gespräch zu kommen … viele haben faszinierende Lebensgeschichten oder machen grandiose Sachen – und sie stehen neben Dir und Du weißt es nicht. Jedenfalls: Mir diente es, neben dem Anliegen, mein Projekt bekanntzumachen, dazu, herauszufinden, wie ich mein Buch nennen will. Und natürlich auch, ob die Angesprochenen meine Idee an sich und meine Beispiele pfiffig und lustig finden. (Mit dem Beginn der Corona-Beschränkungen war damit leider von einem auf den anderen Tag schlagartig Schluss. Mal sehen, ob und wann ich das wieder aufnehmen kann.)

Nägel mit Köpfchen (23.+27. Februar 2020)

23. Febuar: Ich melde beim Börsenblatt für »Naamijoki – das Wörterbuch der kuriosen Ortsnamen« Titelschutz an.

27. Februar: Ich schwinge mich aufs Rad und fahre zum Gewerbeamt. Seit heute gibt es den Naamijoki-Verlag.

Douglas Adams, das Labenz und ich (1999)

Freu Dich: Nun kommt der hübscheste, kurioseste, teilweise skurrilste und bisweilen unglaublichste Teil der ganzen Story. Wäre ich nur chronologisch vorgegangen, hätte ich das ein oder andere auch schon oben erwähnen können; aber ich möchte die folgenden Begebenheiten lieber als eigenen Strang erzählen.

Stell Dir also vor, Du hast eine Idee für ein Buch. Eine vielleicht nicht ganz alltägliche Idee. Du trägst sie ein paar Jahre mit Dir herum, sie begleitet Dich, aber sie ist nun auch nicht gerade das Zentrum, um das sich Deine kleine Welt dreht. Dann gehst Du eines Tages in einen Buchladen. So wie ich 1999 in Freiburg zu Zweitausendeins in der Hermannstraße (so hieß die, glaube ich). Stöberst ein bisschen. Siehst ein knallgelbes Buch. Douglas Adams. War das nicht der mit Per Anhalter durch die Galaxis? Doch, genau der. Mal schauen, was der hier so schreibt. Wie heißt das Buch? Der tiefere Sinn des Labenz? Aha. Tieferer Sinn? Ist immer gut.

Ich machs kurz: Schon im Geschäft hab ich Tränen gelacht. Das war genau meine Art von Humor: bisweilen ein wenig skurril und verschroben, aber im Grunde hochintelligent. Anspielungsreich. Und voller überraschender Ideen!

Und das ganz und gar Wundersame: Das war ja genau meine Idee! Beilngries! Die Ortsnamen!

Sagte ich knallgelbes Cover? Nun, das stimmt nicht ganz. Rechts unten war ein Aufkleber, in eindringlichem Rot: Dieses Buch wird Ihr Leben verändern.

 

Dieses Buch wird mein Leben verändern? Na, wenn es sogar schon draufsteht! laughing

Noch einfacher kann es einem das Leben ja wohl kaum mehr machen! Haha! Zur Kasse und heim damit!

Nun musst Du wissen: Ich bin ein Ästhet. Aufkleber oder Preisschilder auf Schallplattencovern, Büchern oder anderem Kulturgut geht gar nicht. Das erste also, als ich nach Hause komme: Den roten Bebber abziehen. Ist ja normalerweise kein Problem.

Aber dieser Aufkleber wollte einfach nicht abgehen. Ischwör: Das ist mein Originalbuch von 1999. Fetzelchesweise (ich glaube, man kann das sehen oder zumindest erahnen) hab ich Stückchen um Stückchen abgezupft … und es dann schließlich sein gelassen. Manchmal muss man sich seinem Schicksal halt einfach ergeben. Denn wie schreibt Armin Senser so schön:

Zwischen nah und fern neigen die Dinge doch zu einem Quantum an Eigensinn – und wichtig scheint, es ihnen zu gönnen.

Und wenn es also der Eigensinn dieses Buches war, mein Leben zu ändern – dann soll das halt so sein. laughing

Douglas Adams und der Dalai Lama (Indien 2002)

Ich bin in Indien. Gegen Ende meiner Reise verbringe ich zwei Wochen in Dharamsala – dort, wo der Dalai Lama in einem Kloster eine Zuflucht gefunden hat. Wer schon mal in Indien war, der kennt diese Buchshops: Du bringst Dein ausgelesenes Buch hin und kannst Dir ein neues (gebrauchtes) zum halben Preis mitnehmen. Was finde ich in dem einzigen winzigen Buchlädchen, das es damals in Dharamsala gibt? Den Tieferen Sinn des Labenz!

Am selben Tag passiert noch etwas unglaublich Wunderschönes: Ein Sturm zieht auf. Ich sitze auf dem Dach des Buchlädchens, und der auffrischende Wind weht – als wären es überdimensionale Schneeflocken – Tausende (!) großer weißer Schmetterlinge an mir vorbei. Ich muss wirklich zwei, drei Mal hinschauen: Ja, das sind tatsächlich Schmetterlinge! Eine absolut unwirkliche Szenerie!

42? 42! (November 2019)

23. November 2019, BuchBerlin. Ich gehe – bestens gelaunt – auf die Berliner Buchmesse, um mich umzuschauen – und auch, um ein bisschen Promotion für mein Buch zu machen. Es sind schon mindestens 500 Leute drin. An der Garderobe gibt es keine Garderobenmarken, die hat man aus irgendeinem Grund vergessen, man bekommt stattdessen handgeschriebene Zettelchen. Welche Zahl steht auf meinem? Die Douglas-Adams-Zahl! Ich muss herzlich lachen – das Universum hat einen wunderbaren Humor!

Und weil das doch ziemlich unüberbietbar wunderbar ist – nicht ganz so unwahrscheinlich, als wären dort Zaphod Beeblebrox, Trillian und Marvin zeternd aufgekreuzt, weil man ihr Super-Raumschiff (das mit dem Unwahrscheinlichkeitsdrive), das sie vor dem Hotel im Halteverbot geparkt hatten, abgeschleppt hat … aber doch schon ziemlich unwahrscheinlich – schenke ich der Garderobiere prospektiv ein Exemplar!

Am Ende des ersten Tages werde ich, schon etwas erschöpft von 7 Stunden Buchmesse Berlin, sogar noch von einem Video-Blogger interviewt (und verhaspele mich gleich am Anfang vor lauter Aufregung): www.youtube.com/watch?v=d9cF7PANpmg (ab 5:20). Leider hat er gegen Ende die Pointe zu den beiden Protagonisten – nach »Douglas Adams und mich« – rausgeschnitten, sodass das etwas komisch wirkt. Aber egal. Und wie gesagt, den Erscheinungstermin habe ich Corona-bedingt auf Anfang 2021 verschoben.

Das Hotel, in dem diese BuchBerlin stattgefunden hat, das MOA Mercure Berlin, scheint ohnehin ein besonderer Ort zu sein, zumindest für mich: Zwei Monate später, am 20. Januar 2020, bin ich erneut dort, ich bin auf eine große Wiedereröffnungsparty eingeladen. Ich bin ein leidenschaftlicher Treppenbenutzer, doch diesmal muss man mit dem Aufzug fahren. Ich steige also ein. Als sich im 2. Stock die Türen öffnen, blickt man geradewegs auf den Gang, der zu den Zimmern führt; auf dessen Stirnseite stehen die zugehörigen Zimmernummern: 2317 – 2001.

Ich bin zutiefst erheitert, denn mit der 2317 hat es für dieses Buch eine besondere Bewandtnis. Aber das kann ich erst erzählen, wenn das Buch erscheint – dann komplettiere ich diesen Eintrag. Nur soviel: Ein bisschen magic war das schon!

Wie man beim Einkaufen jemanden kennenlernt, die einem eine Bekannte nennt, von der man am nächsten Tag auf einem Bücherbasar ein Buch in Händen hält – und das am Geburtstag (Januar 2020)

Damit das geschehen konnte, was gleich geschehen wird, musste ich mal Yoga unterrichtet haben, und wie alle 5 Jahre muss mir beim Einkaufen mein allererster Schüler über den Weg laufen. Wir palavern genau so lange, dass ich eine halbe Stunde später an einem dieser Körbe mit Angebotswaren mit einer Frau ins Gespräch komme. Wir reden über leichtlaufende Kugelschreiber, kommen zum Thema Schreiben, sie fragt mich, was ich mache, ich erzähle ihr von meinem Buch, da sagt sie, ach, da müsse ich unbedingt Maria Herrlich kennenlernen, die hätte einen literarischen Salon (den Herrlichen Salon), da könne ich bestimmt mal eine Lesung halten. Maria Herrlich, Herrlicher Salon? Hatte ich noch nie gehört. Sie schreibt es mir in mein Notizheftchen.

Am nächsten Tag, dem 31. Januar, meinem Geburtstag, denke ich: Hach, schönes Wetter, ich geh mal auf die Goldelse. War ich schon lange nicht mehr. An meinem Geburtstag tue ich oft Dinge, die ich schon lange nicht mehr gemacht habe, oder mache auch ganz ungeplante Sachen. So komme ich an der Humboldt-Uni vorbei, was gar nicht der kürzeste Weg ist. Aber wen interessieren schon kürzeste Wege, zumal am Geburtstag? Ich bin schon fast an diesem riesigen Bücherbasar mit seinen bestimmt tausend oder mehr Büchern vorbei, da wandelt mich spontan die Lust an, doch mal anzuhalten. Es ist gar keine Überlegung oder Entscheidung, sondern so eine Eingebung der Art, der man einfach folgen und die man nicht hinterfragen sollte. Bei ca. 300 noch ungelesenen Büchern, die ich zuhause liegen habe, würde ich hier unter normalen Umständen nie und nimmer anhalten. Aber was sind schon normale Umstände? Ich drehe also einen Schlenker und stehe vor dem zwanzig Meter breiten Büchertisch. Ich nehme gern mal Bücher in die Hand und schlage wahllos eine Seite auf. Manchmal stehen genau da megapassende Botschaften drin. Das erste Buch, das ich in die Hand nehme ist von Heinrich Heine. Das Gedicht, das ich lese, ist ein … Geburtstagsgruß! Passt! Was das zweite war, hab ich wieder vergessen. Aber das dritte nicht! Es ist zur Hälfte von F.W. Bernstein (ja, genau dem von den schärfsten Kritikern der Elche); und zur anderen Hälfte von der Frau, deren Namen mir gestern jemand beim Einkaufen in mein Notizbüchlein geschrieben hat! Genau: die mit dem Herrlichen Salon! Ich glaub’s nicht!

Doch schon zwei Wochen später passiert etwas mindestens genauso Unwahrscheinliches und vielleicht noch Wunderbareres …

Ein Flashback: die Don Kosaken auf dem Maybachmarkt (Februar 2020)

Der Maybachmarkt ist ein regelmäßig dienstags und freitags stattfindender Wochenmarkt am Maybachufer; hier gibt es alles: Obst und Gemüse, Textilien, Haushaltskram … und am ruhigeren Ende, auf einem kleinen Zwickel mit etwas mehr Platz, zwei Stände mit Schmuck, einen Waffelstand, und eine mobile Cafeteria, in einem dieser winzigen italienischen Töff-Töffs mit drei Rädern, mit denen man selbst in Campobasso durch die kleinsten Gässchen kommt. Auf dem Maybachmarkt war ich schon seit Jahren nicht mehr. Ist mir immer zu voll, zu viel Gedränge. Das kann ich nicht ab. An diesem Freitag aber hatte ich Lust auf einen Kaffee.

Für das Folgende muss ich ein wenig ausholen. Kennst Du die Don Kosaken oder überhaupt Kosakenmusik? Würdest Du sie freiwillig hören? Beziehungsweise: Wann hast Du sie das letzte Mal gehört? Ich sag’s mal so: Wenn Du diese Musik kennst, bist Du wahrscheinlich über 90 laughing; denn die Don Kosaken hatten ihre große Zeit in den 50ern und 60ern, als sie relativ regelmäßig Fernsehauftritte hatten – damals meist noch als stattlicher 60-Mann-Chor. Oder aber Du hast einen nicht-alltäglichen Musikgeschmack und kennst Musikrichtungen, die nur wenige kennen. Zur Erinnerung: Ganz oben habe ich erzählt, dass ich zwölf Jahre lang für diesen Chor (genauer: für einen seiner Nachfolger, siehe das Foto) plakatiert habe. Und dass es ohne die Don Kosaken und ohne dieses Plakatieren dieses Buchprojekt gar nicht gäbe. Exkurs Ende.

Nun stell Dir also vor (und immer auch in Kategorien von Wahrscheinlichkeit): Du schlenderst über den Berliner Maybachmarkt, lässt Dich bei dem Café-Töff-Töff neben einer netten Frau nieder, ihr plaudert eine Weile, Du hast auch mitbekommen, dass der Mann hinter euch am Waffelstand aus London kommt, von seinem Stand schallt die ganze Zeit sogenannte Weltmusik herüber. Alles Mögliche, bunt gemischt. Passend zu Berlin, passend zum Ambiente.

Da der Mund davon nicht schweigen kann, wovon das Herz voll ist, und ich zudem noch auf der Suche nach einer passenden Illustratorin war, kam unser Gespräch bald auch auf mein Buchprojekt. Wie ich denn auf diese Idee gekommen sei, fragt sie. Ich erzähle ihr die Geschichte, ausführlich. Dass ich jahrelang kreuz und quer durch Deutschland, Österreich und die Schweiz gefahren bin und deshalb fast jedes Dorf kenne, zumindest vom Namen her. Weil ich dort überall in den Geschäften Plakate aufgehängt habe. Für die Don Kosaken. Das nächste Lied, das vom Londoner Waffelbäcker herüberschallt, ist: Abendglocken. Von den Don Kosaken. So ziemlich das beliebteste und weltbekannteste aller ihrer Lieder … Es ist unglaublich! Jetzt bin ich echt perplex! Was Tracking anbetrifft können sich Google und Konsorten in Sachen Witz und Einfallsreichtum vom Universum echt noch eine Scheibe abschneiden!

Und als wäre das nicht schon genug: Die Frau, mit der ich mich seit über einer Stunde unterhalte, ist – Illustratorin! Und nicht nur das: Sie hat auch das Douglas-Adams-Buch zuhause! Von den vielleicht 500 Menschen, die ich bis Anfang März darauf angesprochen hatte, kannten es überraschenderweise nur wenige. Und gar zuhause hatten es vielleicht zwei oder drei. So wie ich in diesem Moment muss sich vermutlich ein Liebhaber mechanischer Uhren fühlen, wenn bei seiner Uhr mit einer Grande Complication einmal in 33 Jahren irgendetwas passiert, was nur einmal alle 33 Jahre passiert.

Wird fortgesetzt, wenn wieder was Hübsches passiert …